Kapitel 2


Cedrakon – die Geschichte und Geschicke eines Königreichs, festgehalten in Wort und Bild. Kapitel 2.


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Sonnenstrahlen und Vogelstimmen weckten Luca aus traumlosem Schlafe. Sonnenstrahlen, die für den Bruchteil einer Sekunde zwischen die Augenlider drangen und die Pupillen in Flammen setzten, Vogelstimmen aus den tiefen

Kehlen der Sümpfe, des Krächzens, des Heulens und des Röhrens, dicht gefolgt von dem Schlag des Gardistinnenpflichtbewusstseins, der sie am Hinterkopf traf und mit voller Wucht zurück ins Bewusstsein riss. Alarmiert richtete sie den Oberkörper auf, doch etwas an ihrer Seite, auf ihrem Schoss stoppte die Bewegung. Und verlangsamte jede weitere, inklusive der Lippen und der Stimmbänder.

„Du?“, war ihr erstes Wort, nachdem sie sich umgeguckt hatte.
Der Sumpf erschien friedlich, freundlicher im Vergleich zur Nacht, der Schrecken pochte jedoch weiterhin in ihrem Herzen.
„Kein Grund zur Sorge. Ich werde es auch niemandem weitererzählen.“
„Was … was nicht weitererzählen?“
In wenigen Schritt Entfernung hatte sich die Gargoyle niedergelassen. Eilig und doch behutsam, die an ihrer Seite schlafende Prinzessin nicht zu wecken, richtete Luca ihre Kleidung, tastete nach dem ins Moos gefallenen Säbel.
„Ich habe nur für einen kurzen Moment die Augen geschlossen“, versicherte sie der Gargoyle und noch mehr ihrem Gardistinnenstolz.

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„Du bist verletzt.“
Drei Worte und eine Bewegung an Lucas Seite unterbrachen den äußeren wie inneren Disput, den Luca soeben zu starten im Begriff war.
„Nein“, wies die Gargoyle in dem steinernen Zungenschlag zurück, der verriet, dass die Menschensprache nicht ihre natürliche Sprache war.
„Ich sehe den Rest von einem Pfeil.“
Kaum merklich verzog Luca das Gesicht, als die Prinzessin sich auf ihrer Schulter abstützte, um sich aufzurichten.
„Das ist nur ein Kratzer. Ich bin nicht so zerbrechlich wie ihr Menschen.“

Eine, Wort, dessen Teile menschliche Ohren zwar zu hören, die Zunge aber nicht auszusprechen vermocht hätte, folgte „… ‚Gargoyla‘ – als ob euch das je interessiert hätte … und ich bin nicht verletzt!“
„Natürlich bist du das, einen Moment, ich komme rüber. Hast du eigentlich auch einen Namen?“
„Wartet, Prinzessin.“
Die Prinzessin war schon auf halbem Wege zu dem fremden Wesen, bevor Luca sich ebenfalls aufgerichtet hatte, unbeholfener als ihr lieb war. Sie besaß immerhin genug Geistesgegenwart, den Säbel an der Scheide zu packen, ehe sie hinterherhechtete.
Orphelya.“
Die Prinzessin hatte sich bereits an der Seite der Gargoyle auf den Boden gekniet.
„Das klingt aber nicht sehr gargoylisch.“
„Den könntet ihr auch nicht aussprechen.“
„Woher kommt er?“
„Es ist das erste, was Menschen sagen, wenn sie mich sehen.“
„Orph…?“
Die Lippen der Prinzessin bewegten sich lautlos mit durch die Worte, wie sie von Gargoyleohren gehört und von Gargoylezunge ausgesprochen wurden: „Oohrrveflucht-aua!“

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„Warte, da drüben habe ich Prinzessinnenhaar gesehen, die leuchtende Blume …“
„Die ist giftig.“
„Ja, das soll sie ja auch …“
„Tödlich“, unterbrach der grollende Unterton Orphelyas die Erklärungen der Prinzessin.
„… aber ich glaube, man kann nicht jede Pflanze, die Menschen hilft, einfach bei anderen Wesen anwenden …“, hörbar nahm ihr Satz eine andere Richtung, im Prozesse der Zweifel und Erkenntnis stetig leiser werdend, und direkt darauf wieder fordernder: „Jetzt halt still, das kann weh tun.“

Mit Erstaunen stellte Luca fest, wie willig die Gargoyla, die nicht verletzt war und nur einen Kratzer hatte, den Oberarm in der Prinzessin Hände beließ. Die Intiative zurück erkämpfend zog Luca den Dolch, der als Seitenwaffe und Werkzeug gleichermaßen Bestandteil ihrer Ausrüstung war.
„Wie konnte der Pfeil so tief eindringen?“, erkundigte sie sich nachdenklich ein leises Ratschen – ein Geräusch von Klinge durch Stoff – und ein schmerzvolles Aufzischen der Gargoyla später. Mit Erstaunen stellte Luca fest, dass Orphelyas Blut dasselbe war, wie es auch durch Menschenadern floss, genauso rot. Lucas Taschentuch, ebenfalls Ausrüstung der Garde, und ein Streifen ihrer Weste waren gegenwärtig in der Tat die beiden saubersten Fetzen Stoff, die bei der Hand waren und sich nun um die vom Pfeil befreite Wunde wickelten.
„Die Haut sieht aus wie Stein und fühlt sich auch so an, sie ist es aber nicht“, wusste die Prinzessin Lucas Frage zu beantworten.
Tatsächlich hätte Luca schwören können, einen steinernen Arm zu betrachten, wäre dieser nicht nachgiebig, warm und vor allem blutend gewesen. Stein …
„… Solltest du am Tag nicht zu Stein …?“
„Nein“, antwortete Orphelya begleitet von dem bekannten Grollen, das verriet, wie leicht diese Kehle die Kehle eines Menschen aufreißen konnte, wenn sie nur wollte.
„Gargoyles … und Gargoylas vermutlich auch, sind am Tag träge und müde, da schlafen sie, deshalb …“
Das Grollen steigerte sich ins deutlich Hörbare und brachte ebenso deutlich das Missvergnügen Orphelyas zum Ausdruck, solch sensiblen Angelegenheiten ihres Volkes von Menschen diskutiert zu wissen.
„Woher wisst Ihr so viel über Gargoyles?“, flüsterte Luca der Prinzessin dennoch zu.
„Soportius“, antwortete diese mit dem Namen des königlichen Allmagus – und persönlichen Lehrers der Prinzessin zugleich.
„Ich lerne nicht nur Klettern, Schwimmen und Bogenschießen.“

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„Das ist ein ganz normaler Pfeil“, stellte Luca skeptisch fest, nachdem sie die mit provisorischsten Mitteln extrahierte Pfeilspitze inspiziert hatte. Ihr Blick ging Richtung Schloss. Sie hatten sich in der Nacht nicht weit von der Sterlle weg bewegt, an der Orphelya sie verlassen hatte, die hohen Schlossmauern über geteiltem Fluss waren in der Ferne noch immer zu erkennen, wenn auch durch den Morgennebel über Feldern und Wassern verschleiert. Grübelnd nahm sie den Pfeil in die andere Hand und wiegte ihn nachdenklich in dieser.
„Was ist da gestern passiert, was hast du gesehen?“
Ihre Stimme verriet nicht, ob sie die Gagoyla fragte oder sich selber. Dennoch antwortete Orphelya.
„Das möchte ich von euch wissen.“

Ihr schien das, was die Prinzessin da mit ihrer Verletzung angestellt hatte, noch immer nicht ganz geheuer, zugleich wirkten der anbrechende Tag und damit die Müdigkeit merklich auf ihr Gemüt ein.
„Wir sind genauso überrascht worden wie du“, erwiderte Luca und schloss einen Augenblick die Augen in der Erinnerung an die ersten Sekunden vom Rest des gestrigen Abends. „Du musst doch irgendwas mitbekommen haben? Wie ist es passiert?“
„Ich weiß es nicht“, brummte die Gargoyla nicht unähnlich Lucas nach ihrem Erwachen. „Ich habe nachgedacht.“
Gargoyles konnten stunden-, tagelang bewegungslos verharren und dabei in tiefen Gedanken versinken und darüber alles andere um sie herum vergessen. Sogar Jahrhunderte alte Statuen sollen bereits ohne Vorwarnung zum Leben erwacht und sich als Gargoyles herausgestellt haben, soviel war sogar Luca bekannt.
„Ich wusste gar nicht, dass wir überhaupt Gargoyles im Schloss haben“, fügte die Prinzessin unsicher hinzu, die außer ihrer Beobachtungen während des Abstiegs durch den prinzesslichen Pelzkleiderschrankschacht keine weiteren Erkenntnisse beizusteuern wusste.
„Menschen sehen nur, was sie sehen wollen und ich interessiere mich nicht dafür, was Menschen machen, solange sie mich in Ruhe lassen.“
„Tschuldigung“, murmelte die Prinzessin.
„Aber etwas … jemand hat das Schloss angegriffen“, hakte Luca eilig nach.
„Was hast du letzte Nacht gesehen? Wie kam der Pfeil dahin?“
„Menschen. Viele Menschen. Tote Menschen. Menschen mit Schwertern, sie haben mich entdeckt, als ich an meinen Platz zurück wollte.“
„Also doch nur Menschen“, hauchte Luca mit einer Spur Erleichterung im Körper. Also doch nur Einbildung …
„Was noch? Hast du noch was erkannt?“, drängte sie gleich darauf.
„Sie hatten dasselbe an wie du …“
„Ich meine die Angreifer …“
„Nur mit einem grünen Drachen drauf.“
Ein grüner Drache …
„Smaraktien!“

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Smaraktien. Das Grüne Cedrakon – gleichwohl es niemand so nennen würde. Es existierte nicht ein Cedrakon. Es existierten derer mehrere. Mal in Freundschaft, mal in Feindschaft, mal in gegenseitiger Ignoranz einander verbunden, hatten sie alle doch eines gemein: Sie alle reklamierten für sich, das wahre Cedrakon zu sein, das einzige.
Vier Cedrakons hatte es einst gegeben, zwischen, neben oder sogar mitten in denen zahlreiche kleinere und kleinste Reiche, Fürstentümer und Stadtstaaten gediehen, die die komplizierten Verhältnisse geschickt oder weniger geschickt für sich auszunutzen wussten. Mit dem Niedergang des Gelben Cedrakon mäanderten die übrigen drei hinein in ein Gebiet, dessen Grenzen weder klar definiert noch heutzutage noch in Erinnerung waren und das auf großer Fläche weitgehend als Niemandsland galt.
Um so strenger wachten die verbliebenen Cedrakons über ihre sonstigen Grenzen – in jeder Hinsicht. Da nun jedes Cedrakon den Namen „Cedrakon“ für sich beanspruchte, erfolgte jeder Austausch diplomatischer Noten mit der spitzen Feder. Kein Cedrakon würde je ein anderes mit dem Namen „Cedrakon“ betiteln, statt dessen existierten drei, einst vier, Königreiche, die sich allesamt selbst als „Cedrakon“ bezeichneten, die außerhalb ihrer eigenen Hoheitsgebiete jedoch ausschließlich unter den Namen „Rubinien“, „Akmarinien“, „Smaraktien“ und – einst – „Ambrien“ bekannt waren.

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„Smaraktien.“
Mit der Pfeilspitze ließ Luca das Grübeln zu Boden fallen und damit alle Dämomen der Sinnesstreiche. Dies war immerhin ein greifbarer Gegner, ein Geschehen, das den altehrwürdigen Schloss-gemäuern nicht unbekannt war. Nicht in dieser Dekade, nicht in diesem Jahrhundert, aber doch so weltlich wie diese Pfeilspitze.

Alleine …
„Wie?“
Wohin Lucas Augen gerichtet waren, als sie sie auf das Schloss richtete, war außenstehend nicht zu erkennen. Es war, als versuche sie durch den Nebel, durch die letzten Rauchschwaden, durch die Zerstörungen und den Tod der vergangenen Nacht zu blicken. Selbst ein überraschender Angriff kam selten überraschend. Für gewöhnlich ging einem solchen eine Zeit der Spannung voraus, stetig aggressiver werdender diplomatischer Geschicke und Ungeschicke, Säbelrasseln, Truppenbewegungen, die den Grenzposten unmöglich entgehen konnten. Lucas Position bei Hofe war zu gering, als dass sie über geheimdienstliche Erkenntnisse im Bilde hätte sein können, und doch, auch im Falle geheimdienstlicher Kardinalsschläge, sickerte meist im Vorfeld genug nach unten hin durch, dass sich ein Gefühl der allgemeinen Anspannung aufbaute, wenn nicht unter der Zivilbevölkerung, dann doch in den Garnisonen, deren Bestandteil Luca trotz ihres Postens noch immer war. Aber … nichts davon. Kein Gefühl, das sagte „Es liegt etwas in der Luft“, keine Befehlshaber, die angespannter wirkten als gewohnt, keine Vorgesetztenaugen, die strenger hinschauten als sonst, keine vermehrten Wachdienste, keine häufigeren Manöverübungen. Abgesehen davon … Schloss Cedrakon lag im Herzen Cedrakons. Und es war groß. Selbst ein Angriff mitten in der Nacht mit Verrat, Bestechung und sämtlicher denkbarer Register weniger offener Kriegsführung benötigten mehr als ein paar Leute um die Schlossgarde und die naheliegende Garnison im Handstreich auszuschalten.
„Wie?“, riss der Prinzessin verduzte Frage Luca aus diesen Gedanken.
„Wie sind sie ins Schloss gekommen?“, wiederholte diese ihre Frage im vollständigen Satz.
„So wie die Tore aussahen, haben sie sich weniger Gedanken darum gemacht als du es dir tust“, warf die Gargoyle müde ein, woraufhin Luca sich an die Schläfen fasste:
„Nein, ich meine … war gestern jemand im Schloss, der dort nicht hingehörte? Jemand Fremdes?“
Wieder hielt sie einen Moment inne. Die äußeren Bereiche waren ständig voll mit Fremden. Neben den Familien der Bediensteten und Gardisten des Schlosses wohnten dort auch zahlreiche Handwerker und Kaufleute, der Schlossmarkt war ein beliebter Handelsplatz, die Gasthäuser gut besucht. Der innere Ring jedoch …
„Wir hatten eine akaryllianische Handelsdelegation – ich weiß selber nicht, wo das liegt, Soportius hatte es mir gezeigt, aber ich habe es wieder vergessen – im Schloss“, erinnerte die Prinzessin. „Und auf dem Markt waren Schausteller, wir haben uns den Einäugigen Riesen angesehen.“
Wortlos nickte Luca. An beide Gruppen erinnerte sie sich – nicht gerade jemand, den man eine Streitmacht nennen würde.
„Was machen wir jetzt, Luca?“
Wie Luca über den Abgrund der Ferne auf das Schloss und das Schloss unheilvoll zurückstarrte, so fühlte sie den Blick der Prinzessin auf sich ruhen, mehr noch als dass sie die Frage hörte.
„Wir sollten hier weg.“
„Wohin?“
„Warum?“

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„Sie werden schnell merken, dass Ihr nicht mehr im Schloss seid, Eure Hoheit“, die Frage stammte von der Gargoyla, doch Luca beantwortete sie ebenso der Prinzessin. „Es kann nicht mehr lange dauern, dann werden sie nach Euch suchen.“
„Hier?“
Diesmal ließ Luca sich von Orphelya nicht aus dem Konzept bringen: „Ja. Sie werden solange suchen, bis sie Euch finden, Prinzessin.“
Kein Königreich war jemals ganz erobert, solange auch nur ein Königsspross noch irgendwo frei herumlief.

„Wir sind noch immer in Sichtweite des Schlosses und das hier sind die Everrecksümpfe, das ist Lizwardgebiet …“
Ein Geräusch wie von grobem Kies auf Fels unterbrach sie, die Entsprechung eines Nasehochziehens auf gargoylisch.
„Die stellen keine Gefahr da.“
„Du bist verletzt.“
„Ist nur’n Kratzer.“
„Der Pfeil steckte ziemlich tief drin.“
„Mit den Schuppenschissern werde ich einhändig fertig.“
„Es ist hellichter Tag …“
Noch war ausreichend höfische Geduld in ihr vorhanden, nicht deutlicher darauf aufmerksam zu machen, dass die in der Nacht so agile Gargoyle nun wesentlich schwergängiger wirkte, einer redenden Statue gleich, in der Tat. Nun drehte diese aber dennoch den Kopf, warf dem Schloss einen langen Blick zu.
„Du kannst sie nicht alle töten“, erahnte Luca ihre Gedanken.
„Warte bis zur Nacht …“
„Gestern hätten sie dich fast getötet.“
Ein dumpfes Grollen war das Naheste, was Luca an Einsicht in das Offensichtliche erreichen konnte.
„Seht!“

Der Zeigefinger der Prinzessin zitterte merklich, als er auf die Ansammlungen deutete, die in unregelmäßigen Abständen, aber doch mehr oder weniger geschlossen, das Schloss verließen. Kaum im Freien angekommen schwärmten diese in sämtliche Richtungen aus, getreu den Wegen und Straßen folgend, die ins übrige Land führten. Einzelne Gestalten, Reiter, preschten ihnen voraus. Jetzt, wo das Haupt des Drachen darniederlag, wartete der Rest des Körpers darauf, auseinandergenommen zu werden.

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Sie kamen nur langsam voran. Die Nacht war anstrengend, der Schlaf nicht sehr bequem gewesen und die Prinzessin trug nicht gerade den Umständen angepasste Kleidung. Somit bewegten sie und Luca sich nicht wesentlich schneller als die Gargoyla durch Matsch und Morast. Jene schien verstanden zu haben, dass die beiden Menschen ebenso erpicht darauf waren, ins Schloss zurückkehren zu können, wie sie. Luca war sich nur nicht sicher, wie lange ihre Geduld reichen mochte. Dennoch, wenn es eine Sache gab, die Luca sehr früh bereits gelernt hatte, dann die, dass es in der Regel von Vorteil war, starke Verbündete an ihrer Seite zu wissen.

Keine von ihnen hingegen wusste den Weg, Luca achtete lediglich darauf, das Freie zu meiden, im Schutz der Wälder, am Rande der Sümpfe zu bleiben – wo auch immer diese aufhörten oder begannen – und abseits der Wege zu gehen. Nicht, dass es Wege gegeben hätte, die ihnen gewahr gewesen wären. Ihre Hoffnung war es, die Garnison zu finden. Nicht jene, deren Reste in Form von dunklen Schwaden noch immer über die Ebene trieben, eine der andere. Irgendwo musste es noch andere Garnisonen geben. Sie konnten unmöglich sämtliche Garnisonen auf einen Schlag ausgelöscht haben … hoffentlich. Oder zumindest einen der Wachtposten, die hier und da die Grenzen der Everreck-Sümpfe säumten. Vielleicht trafen sie auch auf eines der Dörfer oder Gehöfte, die selbst hier existierten. Allerdings war sie unsicher, wie dann vorzugehen sein würde …

„Das stinkt hier. Und ist dreckig. Ich bin dreckig. Und stinke. Mir tun die Füße weh. Und ich habe Hunger.“
Immerhin war der Morgen ausreichend ereignislos vorübergegangen, um bislang unterdrückte Grundbedürfnisse des Lebens zurück ins Bewusstsein zu holen.

„Was ist mit den Beeren dort, Prinzessin?“
Noch immer bemühte diese sich, mehr bemüht als erfolgreich, getrockneten Schlamm und Pflanzenreste von der Haut und aus Gesicht und Haaren zu reiben und zu zupfen. Büsche mit knallroten Beeren säumten ihren Weg.
„Die sind giftig.“
„Ich esse sie“, ließ sich Orphelya vernehmen.
„Ihr könnt die Kerne haben.“
„Wofür?“, legte Lucas Geistesgegenwart eine ungewohnte Langsamkeit an den Tag.
„Man kann die essen?“, hielt auch die Prinzessin in ihrem Tun inne, sprang gedanklich aber bereits ein Stück weiter.
„Schmecken mir nicht“, erklärte Orphelya kurz und knapp und fügte mit einem Nicken zu Luca hinzu: „Aber euch Weißjacken.“
„Warte. Moment“, rann es Luca schaudernd den Rücken runter, „Das sind Wachnüsse?“
Ihr wurde bleich um die Nasenspitze, als ihr aufging, woher die in der Schlossgarde so beliebten „Nüsse“ stammten, die jede Gardistin, jeder Gardist, während der langen Wachstunden als Zeitvertreib und Stimulans kaute. Der Gesichtsausdruck der Prinzessin deutete ebenfalls darauf hin, dass sie lieber verzichtete.
Luca nahm sie dennoch an sich.

„Die Gegend kommt mir bekannt vor“, grübelte die Prinzessin kurze Zeit später.
Sie hatten eine kleine Lichtung erreicht. Heller Sonnenschein fiel auf sumpfige, aber doch grasbewährte Wiese und umgestürzte Bäume. Wie auf ein stummes, gemeinsames Zeichen hin machten sie Halt.
„Ja, hier war ich schon mal!“, trat die Prinzessin eilig weiter auf die Lichtung hinaus.
„Hier muss irgendwo ein See sein! – Ich kann endlich baden!“

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„Was?“
Perplex starrte Luca der Prinzessin hinterher, ehe sie sich dann doch wieder ihrer Aufgaben entsann und dieser nacheilte.
„Baden? – Hier?“

Digitalzeichnug, Comicstil: Eine humanoide, echsenartige Kreatur, Kleider bedecken Kopf, Hals und Schwanz, zudem trägt sie einen Gürtel und einen hölzernen Krumm-Dolch. Sie beugt sich über ein dunkelgrünes Kleid auf dem Boden, dies findet in einem Waldsumpf statt, weshalb der Hintergund grünlich ist, zugleich spielt die Szen auf einer Lichtung, sodass man ebenso den Himmel sehen kannDigitalzeichnug, Comicstil: Eine humanoide, echsenartige Kreatur, Kleider bedecken Kopf, Hals und Schwanz, zudem trägt sie einen Gürtel und einen hölzernen Krumm-Dolch. Sie stürzt von einer gelben Entenfigur ausgeknockt zu Boden. Dort liegt ein dunkelgrünes Kleid. Dies findet in einem Waldsumpf statt, weshalb der Hintergund grünlich ist, zugleich spielt die Szen auf einer Lichtung, sodass man ebenso den Himmel sehen kann


„Ja, da drüben muss er sein. Wir haben oft Jagdgesellschaften in die Everrecksümpfe veranstaltet, die fanden hier statt. – An den See zu den Anglern durften wir nicht, aber ich habe mich schon immer gefragt, wie tief er wohl ist.“

Wenn es hieß, dass Prinzessinnen und ihre Schar von Hofdamen und Dienstmägden mit zur Jagd ausreiten durften, dann geschah dies mehr als schmückendes Beiwerk als dass sie tatsächlich an der Jagd beteiligt wurden. Vielmehr waren sie Teil jener Jagdgesellschaft, die sich auf einem größeren Areal zwecks Speis und Trank und gesellschaftlich geziemender Knüpfung sozialer Kontakte – zuweilen auch nicht so geziemend – zusammenfand. Die wackeren Recken der Jagdgesellschaft prahlten mit ihren Schießkünsten und hin und wieder wurde auch die eine oder andere Dame des Hofes unter viel Gekicher und aufmunternden Worten zu einem Versuche animiert, während andere Recken darin wetteiferten, die größten Fische für das Gelage zu fangen, das den Kernpunkt eines jeden gesellschaftlichen Ereignisses darstellte.

„Hier ist er!“
Hinter einer Reihe weiterer Büsche tat sich ein angemessen im Lichte der Mittagssonne glitzender See auf. Sämtliche Ufer ließen sich ausgezeichnet einsehen, war das Erste, was Luca auffiel.
„Aber … aber … ihr könnt hier nicht baden! – Das sind die Everrecksümpfe und die Smaraktiner sind auf der Suche nach Euch!“
Die Prinzessin jedoch schuf bereits Tatsachen, während Lucas Augen wie jene jedes und jeder Bediensteten sämtlicher Bedienstetenschaften der gesamten Welt das auszublenden wussten, was an Privatheit zu sehen ansonsten bestenfalls dem zukünftigen Ehepartner zugestanden wurde.

„Siehst du hier jemanden, Luca?“
„Nein, aber …“
„Wir kommen ohnehin nicht voran, Orphelya ist schon eingeschlafen, da, siehts du? Du bist müde, ich bin müde, wir beide sind dreckig und stinken … da kann ich auch baden gehen!“
„Wartet! Ihr könnt doch trotzdem jetzt nicht …“
„Doch, ich kann.“
Verblüfft stellte Luca fest, dass sie konnte. Und dass sie es tat. Und dass Luca nicht gewusst hätte, was sie dagegen hätte tun können. Selbst in der Wildnis geziemte es sich nicht, Prinzessinnen mit Gewalt vom Bade abzuhalten.

So war es erneut an ihrem Gardistinnenpflichtbewusstsein, ihr in den Hinterkopf zu treten, um wenigstens die diversen Ufer in den Blick zu nehmen. Ebenso das Wasser. Dieses erschien ungefährlich genug. Trotz der umgebenden Sümpfe wirkte es recht sauber – sicheres Zeichen, dass sie bald aus diesen heraus sein würdem – und kein Kräuseln ließ erkennen, dass sich etwas unter der Oberfläche bewegen mochte. Kurz nutzte Luca die Gelegenheit, sich ebenso Gesicht, Hände und Haare abzuwaschen.

Kaum stand sie jedoch wieder, spürte sie ein Kribbeln in der Nase, das sie hellhörig werden ließ. Unwillkürlich griff die Hand in den Beutel mit den Wachnüssen. Fast spuckte sie eine solche wieder aus, als sie merkte, wie ihre Zähne den Beerenkern zwischen sich zermalmten. Dennoch zwang sie ihre Sinne in die Konzentration auf das Wesentliche. Tatsächlich meinte sie nun ein Geräusch zu hören, in den Augenwinkeln ebenso einen Schatten. Im selben Moment, als sie herumwirbelte, erschallte auch schon der empörte Ausruf der Prinzessin:
„Geh weg von meinen Sachen!“
Und: „KLONK!“

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„Was ist das?“
„Das? Ein Lizward, du kennst doch Lizwards, Luca.“
„Das meine ich nicht, ich meine … das!“, irritiert und doch alarmiert, deutete Luca auf die gelbe Holzfigur, die den Lizward am Hinterkopf getroffen hatte und nun stolz lächelnd neben diesem im Gras lag.

.

„Oh, das ist Emil.“

„Emil …“ echote Luca. „Ihr habt Eure Badeente …?“
„Natürlich. Ich lasse ihn doch nicht allein zurück! Er hat ein Seifenfach im Po!“
„Er hat wa…? – Prinzessin, Ihr solltet aus dem Wasser, wo ein Lizwar…“
Doch Luca brauchte gar nicht erst darauf hinweisen, aus den lichten Tiefen eines über den Kopf gestülpten Unterkleides erklang, zunächst gedämpft, dann lauter, in beiden Fällen jedoch hörbar gereizt, die Stimme der Prinzessin:
„Da sind andere nicht weit! – Ich weiß, Luca, ich hatte Soportius, ich kenne Lizwards!“

Dieser Satz traf Luca mehr als ihr professionelles Ich und ihre Erfahrungen mit Angehörigen der Royalität eigentlich hätten zulassen dürfen. Sie kannte Lizwards, natürlich kannte sie Lizwards, jeder kannte Lizwards. Sie waren ein Ärgernis, der Legende nach einst Anhänger des gefallenen Allmagus‘ Listwartz, die in die Sümpfe getrieben wurden und sich in jene bösartigen, echsengleichen Kreaturen verwandelten, die nicht müde wurden, im Geiste ihres verblichenen Anführers Angriffe auf unbedarfte Reisende zu starten und sogar ganze Dörfer zu verwüsten. Einzeln waren sie kein nennenswerter Gegner. In der Gruppe jedoch waren sie eine tödliche Gefahr.

Das war es jedoch nicht, was Luca traf. Die Worte der Prinzessin hatten einen ebenso getroffenen Unterton gehabt, wie Luca ihn im Moment dieser Erkenntnis ebenso verspürte. So als habe ihr ein schlechtes Gewissen kräftig in die Magengrube geschlagen.
„Entschuldigt bitte, Prinzessin, ich sorge mich um Eure Sicherheit.“
Inzwischen stand die Prinzessin neben dem zu Boden gegangenen Echsenwesen, wo sie als erste Handlung überhaupt Emil aus dem Gras aufklaubte.
„Ich bin kein Kind, Luca, ich kann auf mich aufpassen.“
„Aber Ihr seid die Prinzessin“, wollte es über Lucas Zunge heraus, doch biss sie sich auf selbige.
„Nehmt trotzdem das, Prinzessin“, vertraute sie ihr statt dessen mit diesen Worten ihren Gardistinnendolch an.

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„ORPHY, WO BIST DU, WIR BRAUCHEN DEINE HILFE?!!“
Vor Schreck fiel Luca beinahe der Säbel aus der Hand, als das Stimmorgan der Prinzessin in ungehörter Lautstärke über die Lichtung schallte.
„Ihr solltet nicht so laut sein, Prin…“
„Die wissen doch eh schon, wo wir sind, Luca.“
In der Tat, weitere Bewegungen waren in den Dickichten am Rande der Lichtung zu vernehmen.
„Nicht dort! Da! Pass auf!“

Nicht das Gebüsch, das Luca im Visier gehabt hatte, lichtete sich, sondern ein Schatten erschien wie aus heiterem Himmel in selbigem. Mit einem hastigen, verzweifelten Ausfallschritt schwang Lucas gesamter Körper herum, mit der Klinge des Säbels eine rotierende Scheibe bildend, wie ihre Ausbilder sie nicht schöner hätten fordern können. Ein schriller Schrei erklang, Luca fegte es zu Boden, doch war sie das schnelle Wiederaufstehen gewohnt. Gerade rechtzeitig, einer scharfen Sichelklaue auszuweichen, die ihr die Eingeweide aufzureißen gedachte, statt dessen jedoch nur die Lederpolsterung der Uniformjacke traf und das königliche Wappentier in der Mitte entzweiteilte.
„KOMM MIR NICHT NAHE!“, erklang es in Lucas Rücken, gefolgt von einem weiteren „KLONK!“ – Luca erkannte sofort: Emil in Aktion.

„Weg hier, Prinzessin! Sie haben Morgriffs!“
Luca hatte Glück, dass ihr erster Hieb die gefiederte Echse am rechten Lauf getroffen hatte. Auf diese Weise konnte sie den spitzen Zähnen und Vorderklauen haarscharf ausweichen und den Angriff mit einem raschen Kehlenschnitt geistesgegenwärtig kontern. Doch auch der Reiter richtete sich bereits wieder auf. Luca schlug den spitzen Holzspeer zur Seite, sprang mehrere Schritte rückwärts.

„Uffz!“, stieß die Prinzessin aus, als Lucas Schulterblätter unsanft mit ihren zusammenstießen. Die Säbelspitze durchbohrte den heranpreschenden Lizward, hinter sich hörte Luca ein weiteres „KLONK!“.
„Er ist aus Heldenholz, er hat mich noch nie im Stich gelassen!“, erklärte die Prinzessin triumphierend.
Ein über sie hinwegzischender, primitiver Pfeil ließ sie sogleich aber wieder verstummen.
„Da lang!“
Luca fasste die Prinzessin am Arm, den Weg deutend, zwischen einer Attacke und dem Beginn der nächsten. Diese eilte ungewohnt widerspruchsfrei mit, nur um Luca kurz darauf ihrerseits zu Boden in ungewisse Deckung zu zerren. In unmittelbarer Nähe entstand ein Aufruhr, Morgriffs und Lizwards flogen durch die Luft, darüber und dazwischen ein Schatten.

„Or…!“, begann die Prinzessin.
„Nenn mich nicht Orphy!“

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To be continued …